LANG, Fritz / RETTBERG, Rolf

M

Berlin in der Zwischenkriegszeit:

Warte, warte nur ein Weilchen,

bald kommt Schwarzmann auch zu dir,

mit dem kleinen Hacke-Beilchen

macht er  Schabefleisch aus dir ...

Aus dem Kopfe macht er Sülze,

aus dem Bauche macht er Speck.

Aus den Füßen macht er Eisbein,

und das And’re wirft er weg ...

Ein kleines Mädchen hüpft mit einem Ball spielend über die Bühne. Sich Mut machend singt es den aktuellen Kinderreim. Gleichzeitig hört man den Mörder seine Erkennungsmelodie pfeifen. Ein Schrei, dann Stille. Der Ball rollt über die Bühne ins Publikum.

In einer Kneipe in Prenzlauer Berg unterhalten sich der Wirt und ein blinder Bettler über die Kindermorde, die die Stadt in Angst und Schrecken versetzen. Auch die Unterwelt , irritiert und bei ihrer Arbeit durch die dauernden Razzien der Polizei gestört, verflucht den geschäftsschädigenden Mörder. Später, auf der nebeligen Straße, möchte Anneken, ein stummes Mädchen, von dem Bettler einen roten Luftballon kaufen, scheitert aber an der Verständigung. Ein feiner Mann hilft ihr und als dieser im Weggehen eine Melodie von Grieg – das Lied des Bergkönigs – pfeift, erkennt der Bettler in ihm den Mörder wieder. Der Wirt findet Annekens Leiche. Es gelingt ihm, dem noch ahnungslosen Mörder ein großes „“M“ aus Kreide auf den Rücken zu zeichnen.

Die herbeigepfiffenen Bettler, der Wirt, die Verbrecher, die Polizei – die ganze Großstadt jagt den Mörder. Die Bettler und der Wirt werden seiner habhaft und schleppen ihn, ein zusammen geschlagenes Häufchen Elend, vor den Volks-Gerichtshof der Unterwelt, den der Zuhälter als Repräsentant des Volkes anführt. Verzweifelt versucht der schizophrene Mörder, Verständnis zu finden – er fleht um ein ordentliches Gericht. Doch das Tribunal ist zur Lynchjustiz entschlossen. Nur der kriegsgeschädigte Bettler und die Prostituierte verurteilen den Zuhälter für sein Vergehen, was den Bettler das Leben kostet. Als die Prostituierte den Mörder aus dem Waffenlager retten möchte, spürt dieser wieder den Drang, die Frau zu töten und bringt sich in seiner Verzweiflung um. Die Polizei erscheint, der Zuhälter kann flüchten.

Ein jüdisches Mädchen tritt ballspielend auf, feingekleidet mit Hut, Mäntelchen und weißen Kniestrümpfen. Und auch sie singt den Reim. Das Lied wird von Soldatenstiefelgestampfe und dem Lied In einem Polenstädtchen übertönt. Ein Mörder - viele Mörder.

Das Stück macht das gesellschaftliche Klima, die sozialen Verhältnisse der Weimarer Republik als Wegbereiter für den Nationalsozialismus deutlich. Obrigkeit und Unterwelt erscheinen als parallele Organisationen, die den „Abartigen“ im Namen des „gesunden Volksempfindens“ zur Strecke bringen sollen. Es schildert sarkastisch die Menschenjagd und Massenhysterie – der Mörder wird zum Opfer, ein ordentliches Gericht wird ihm nicht zugestanden. Das grausame Thema der Kindermorde tritt im Laufe des Stückes im Verhältnis zu der Darstellung der sozialen Verhältnisse und dem faschistoiden Gehabe des Zuhälters und seiner Mitläufer in den Hintergrund.

4 D    10 H

Sprechtheater - Schauspiel

Originaltitel: "M" eine Stadt sucht einen Mörder

Bearbeiter: Rettberg, Rolf

Werkangaben: KRIMINALSTÜCK