KAISER, Herwig

TEATRO INSTABILE

Hundertschaften von Schauspielern hält sich die öffentliche Hand in hochdotierten Häusern zu Klassikerpflege und künstlerisch verbrämter Gesellschaftskritik innerhalb politisch vertretbarer Grenzen.
Freies Theater verändert – so es kommerziell erfolgreich ist – höchstens die Steuergesetzgebung, nicht die Welt.
Theater heute – was bringt es?
Und wo findet es wirklich statt?
Vor der Staatsoper während des Opernballs? In Hainburg vielleicht? Oder vor dem Arbeitsamt, Montag bis Freitag ab sieben Uhr früh?
Eines ist klar: Die Botschaften, die wirklich schmerzen, sind in Österreich längst ohne Eintrittsgeld zu haben.
Sagte der arbeitslose Schauspieler und warf sich vor die U-Bahn.
Sagte der unverstandene Autor und verbrannte sich auf einem Berg unveröffentlichter Manuskripte.
Ich korrigiere.
Beinahe zwanghaft kehren wir doch immer wieder auf die Bühne und zu unseren Schreibtischen zurück.
Leben und spielen und schreiben in einem Land, wo die Grenzen so wie die Wände jener Folterkammer, die Edgar Allan Poe in „Die Grube und das Pendel“ beschreibt, immer näher zueinanderrücken.
Nicht nötig, uns zu erklären, dass dies der richtige Nährboden sei für Kunst – wir haben uns längst daran gewöhnt, Erde zu fressen.
Sagte Tom, Leiter der freien Gruppe TEATRO INSTABILE, die aus Anlass des bevorstehenden Nationalfeiertages die Aufführung des Straßentheaterspektakels „Österreich isst Brei“ probt.
Sechs Fantasten haben sich zusammengefunden, um einen komödiantischen Kassasturz der Republik in Szene zu setzen. Über Wochen haben die Mitwirkenden Material über jenes Land zusammengetragen, in dem ihrer Einschätzung nach bald kein Platz mehr sein wird für wache, kreative Menschen, in dem angesichts steigender Arbeitslosigkeit Qualitäten wie Kadavergehorsam und skrupelloser Eigennutz längst weit vor Selbstständigkeit und Solidarität rangieren.
Im muffigen Kellerraum eines abgewirtschafteten Möbelhandelswerden die Szenen rund um Arbeitsneid, Duckmäusertum, klerikalen Rechtsruck, geistige Provinzialisierung und politische Perspektivenlosigkeit geprobt.
Doch immer geringer wird die Distanz, immer größer die persönliche Betroffenheit der Schauspieler, denn:
Österreicher sein ist längst kein Spiel mehr.

3 D    4 H

Sprechtheater - Schauspiel