BOESER, Knut

GEWALT UND LEIDENSCHAFT

Es gibt immer wieder die großen Massaker im Namen der Moral und der Tugend, im Namen der richtigen Ideologie. Kambodscha ist dafür ein Beispiel. Innerhalb nur eines Jahres wurden über zwei Millionen Kambodschaner ermordet, weil sie das Glück der Neuen Ordnung nicht schnell genug verstehen wollten. Zu besichtigen ist das Personal aus Calderons GEWALT UND LEIDENSCHAFT, dieselbe Ausgangssituation, die sich allerdings schnell verändert, dadurch nämlich, dass sich, wie die historischen Erfahrungen zeigen, dem Prinzen Sigismund kein gerechter, gütiger Gott offenbart und ihn zur Einsicht bringt. Hier ist ein kalter Stratege an der Macht, der alles was seiner Vision von glücklicher Zeit im Wege ist, ausrottet, solange, bis er all die beseitigt hat, die eben beseitigt werden müssen, wenn eine Neue Ordnung im Staate sein soll – dann ist er überflüssig geworden, hat seine Arbeit getan und wird selbst liquidiert, damit die wirkliche Neue Ordnung, die, wie immer, die alte ist, ungefährdet zum Alltagsgeschäft übergehen kann. Ein Stück über Macht und Intrige, Leidenschaft und Liebe, ein Stück über die Vernunft, die sich in wilder Raserei gegen sich selbst kehrt, ein Stück, in dem viele Sehnsüchte und Träume, viel utopischer Stoff, viel politische Naivität strategisch benutzt werden. Die Spesen sind hoch. Opfer gibt es viele. Und die Gewinner wissen nicht, wie lange sie sich ihres Glücks erfreuen können.

2 D    5 H

Sprechtheater - Schauspiel

Werkangaben: nach Calderon "Das Leben ein Traun"