Die Nabelschnur

(Il cordone ombelicale)

Aldo Nicolaj

Fünfzig Jahre gelebt – aber nie wirklich das eigene Leben.
An seinem fünfzigsten Geburtstag zieht der erfolgreiche Architekt Ugo Bilanz. Eigentlich müsste er zufrieden sein: Er hat eine liebevolle Frau, zwei Töchter, gesellschaftliches Ansehen und materiellen Wohlstand. Doch Ugo fragt sich, ob er tatsächlich das Leben geführt hat, das er führen wollte. In seiner Erinnerung erscheinen die Frauen, die ihn geprägt haben – frühere Geliebte, seine Ehefrau Pia und vor allem seine überfürsorgliche Mutter. Das Stück spielt dabei fortwährend zwischen Gegenwart und Erinnerung.

Immer deutlicher erkennt Ugo, dass er sich nie wirklich von den Frauen seines Lebens lösen konnte. Schon seine Mutter hielt ihn mit Fürsorge, Ängsten und Schuldgefühlen an sich – jene „Nabelschnur“, die ihm die Freiheit nahm, eigene Erfahrungen zu machen. Später übernahm Pia unbewusst diese Rolle. Ugo gab seine künstlerischen Ambitionen auf und wurde zum erfolgreichen, aber angepassten Architekten.

Am Ende erfährt er, dass sein vermeintliches berufliches Scheitern auf einer Lebenslüge beruht: Pia hatte heimlich seine Unterschrift gefälscht und seinen vielversprechenden Wettbewerbsentwurf zurückgezogen, weil sie fürchtete, sein Erfolg könnte ihn von ihr und der Familie wegführen. Sie hatte sich zuvor mit Ugos Mutter abgesprochen. Ugo begreift, dass die Nabelschnur niemals durchtrennt wurde – sie ist lediglich von einer Frau an die nächste weitergereicht worden. Zurück bleibt die bittere Erkenntnis: „Fünfzig Jahre … fünfzig verlorene Jahre.“
6D 1H
Schauspiel
Übersetzung aus dem Italienischen:
Susanne Germano / Friedrich Kallina