Börsen Beben & Champagner

Alfred Zellinger

Alfred Zellingers „Börsen Beben & Champagner" ist während der Katastrophe in Japan 2011 entstanden. Zellinger setzt auf krasse Kontraste: eine der größten humanitären Katastrophen unserer Zeit, der drohende Super-GAU in Fukushima – und die Geldgier eines Börsenhais … Er entwirft das Bild einer Gesellschaft, deren „Geschäftssinn“ bei allen vordergründigen Vorzügen ihre Überlebensfähigkeit infrage stellt.
ausführliche Beschreibung
Die einzige kleine Trübung des gemeinsamen Feierabend-Champagners nach Börsenschluss ist, dass die Aufzüge nicht mehr fahren. Müssen sie halt Treppen steigen. Übernachtet wird eh meistens im Büro, das ist heute nicht anders. Was ist überhaupt anders? Die Strategie stimmt und der Schnitt ist in trockenen Tüchern. Dass der Tsunami Tausende Todesopfer gefordert hat, ist nicht so schlimm. Nur wüsste man gern, ob die Yacht noch im Hafen liegt. Man wird jemanden hinschicken müssen.

Die Tochter wird nach Osaka ausquartiert, die Mutter darf bleiben. Sie ist alt und es ist egal, ob sie an radioaktiver Strahlung stirbt oder an etwas anderem.

Ein Baggerfahrer, der zur Bergung Überlebender im Einsatz ist, wird bestochen – er unterbricht die Bergungsarbeiten, um die Yacht, die sich in einem Privathaus verkeilt hat, freizulegen. Sie wird wieder zum Hafen gebracht und ordentlich vertäut. Es wird gemeldet, das Leitungswasser sei verstrahlt, Spinat und Fisch seien nicht mehr essbar. Man soll lange Ärmel tragen. Die Börsenkonferenz trägt Atemmasken. Statt Leitungswasser trinkt man wieder Champagner. Der Dealer beschließt, auf einen Segeltörn zu fahren.

Am Hafen angekommen, findet er sein Schiff von Bebenopfern besetzt. Er besorgt Getränke und Lebensmittel. Im Abendgrauen feiern die jungen Leute eine Party an Deck – inmitten der Trümmer. Als der Dealer am nächsten Tag den Törn antritt, erhält er eine E-Mail: Man habe seinen spontanen Urlaub als Flucht aus Tokyo gedeutet. Der Assistent habe seinen Posten übernommen. „What the fuck!“