Ein Ausgangstag

(Frisondag)
Schauspiel in zwei Auftritten

Otto Peter Leck Fischer

Mit 62 nimmt sich Marie ihren ersten „Ausgangstag“ – und stellt dabei ihr ganzes bisheriges Leben infrage.
Marie Nielsen ist 62 Jahre alt und hat ihr Leben ihrer Familie gewidmet. Seit Jahrzehnten führt sie den Haushalt, kümmert sich um ihren Mann und die inzwischen erwachsenen Kinder und nimmt es als selbstverständlich hin, dass ihre eigenen Wünsche zurückstehen. Doch an einem Samstagabend wird ihr plötzlich bewusst, wie wenig ihre Arbeit und Fürsorge wahrgenommen werden. Während Mann und Kinder ihren eigenen Vergnügungen nachgehen, bleibt Marie wie so oft allein zurück.

Diesmal fügt sie sich nicht. Ohne jemandem etwas zu sagen, verlässt sie die Wohnung und macht sich auf den Weg in die Gegend ihrer Jugend. Sie verbringt die Nacht unterwegs, sieht die Sterne, sitzt am Meer und besucht ein Gasthaus, in dem sie früher selbst gearbeitet hat. Dort begegnet sie der jungen Kellnerin Meta und beginnt, über ihr Leben nachzudenken: über verpasste Möglichkeiten, ihre Ehe und darüber, dass sie neben Ehefrau und Mutter immer auch ein eigener Mensch geblieben ist. Für Marie ist dieser Ausflug ihr erster „Ausgangstag“ überhaupt.

Während ihre Familie bereits die Polizei eingeschaltet hat und im Radio nach ihr gesucht wird, entscheidet Marie schließlich, nach Hause zurückzukehren. Doch Fischers Sozialdrama zeigt, wie tief die jahrelange Selbstverständlichkeit und Gedankenlosigkeit innerhalb einer Familie verletzen können. Das Manuskript selbst fasst Maries Schicksal als das einer Frau zusammen, die eine lange Ehe hindurch gearbeitet hat, ohne dafür Dank zu erfahren.
6D 6H
Schauspiel
DEA: 04.10.1956, Hamburger Kammerspiele; Regie: Wilhelm Semmelroth
Übersetzung aus dem Dänischen:
Erland Erlandsen