Der lange Weg nach Nebenan

(A hosszú út közelre)

Peter Zilahy

Im Zug durch die DDR
„Wo die beiden Schienen einander berühren. Lass und dorthin gehen!“
Im Abteil ein junger Mann, für die zweite Klasse auffallend gut gekleidet. Auf dem Gang eine junge Frau: schwarze Stiefel, schwarzer Lederrock, schwarze Armbänder mit silbernen Nieten. Sie schaut in die Abteile, als würde sie jemanden suchen. Der lange Weg nach nebenan ist eine Reise, die das Bild des Reisens verändert. Zilahys schwarzer Humor erweckt die Diktaturen der achtziger Jahre in Osteuropa zum Leben, die brutale Engstirnigkeit des Systems, in dem der Zweck immer die Mittel heiligt und das Opfer unvermeidbar ist, obwohl niemand versteht, warum. Im Osteuropa-Express sind Verfolger und Verfolgte gleichermaßen die Opfer von Missverständnissen. Nichts ist, was es scheint. Der Schein trügt nicht.
ausführliche Beschreibung
Er und Sie treffen in einem Zug von Osten nach Osten zur Zeit des Kalten Krieges aufeinander. Das slowakische Rockermädchen hält den jungen Ungarn irrtümlich für einen Dänen. Aus dem Missverständnis über die Herkunft des jungen Mannes jenseits des Eisernen Vorhangs entwickelt sich ein kontroverses Verhältnis, das denselben Wurzeln entspringt. Ein verbaler Austausch über Ost und West entspinnt sich, der die beiden über die Hürden ihrer eigenen Vorurteile einander näherkommen lässt. Für ihn ist es anfangs ein Spiel, ohne dass er weiß, dass auch sie nicht das ist, was sie vorgibt zu sein. Denn hinter der rasant voranschreitenden Romanze im engen Abteil diktiert das „große Drehbuch der Weltgeschichte“ eine weniger romantische Geschichte. Das Mädchen ist ein Spitzel, bewacht von einem Polizeikommissar in wechselnder Gestalt, auf der Suche nach einem Drogenkurier alias „Kleiner Prinz“ aus dem Westen. Als sich der „Däne“ kurz vor dem Liebesakt als stinknormaler Ungar outet, entgleist die fiktive Geschichte, die Mauer löst sich in Luft auf. Er entspricht zufällig wirklich dem Bild des Gesuchten und ist durch die banale Verwechslung in Gefahr, liquidiert zu werden. Das Mädchen, das selbst unter Zwang agiert, versucht, seinen „dänischen Prinzen“ zu retten. Doch der Zug rattert durch das Labyrinth der Sprachen und Identitäten und verlässt die gelenkten Schienen in den Abgrund nicht. Gibt es eine Notbremse, die man auch ziehen kann? Hat das System Lücken? Und gelingt der Sprung ins Freie, wenn der Zug zum Stehen kommt?

Zilahy thematisiert in seinem „Zweiakter mit Intermezzi“ Fragen um Sein und Schein zu Zeiten des Kommunismus in Osteuropa. Jeder kontrolliert jeden, jeder weiß, dass er kontrolliert wird. Die Leute wollen daran glauben, dass ihr Leben einen Sinn hat. Je größer die Sinnlosigkeit, desto stärker der Glaube. Wohin führt die Reise? Es gibt keine Richtung, nur den Weg. Die eine Schiene ist der Osten, die andere der Westen. Beide sind nötig, um Europa zu durchqueren. Eine Revolution gibt es erst, wenn sich 99 % der Leute in ihrer Rolle nicht mehr wohlfühlen. Dann wird alles neu verteilt.
2D 6H
8-10 Personen
Schauspiel
Übersetzung aus dem Ungarischen:
Agnes Relle