Nachtigall zum Abendessen

(Slavík k večeři)

Josef Topol

Ein höfliches Abendessen bei einer sonderbaren Familie.
Herr Nachtigall ist zum Abendessen bei einer vierköpfigen Familie eingeladen. Zunächst scheint er nur in eine etwas exzentrische Gesellschaft geraten zu sein: Vater, Mutter, Sohn und Tochter streiten, tanzen, trinken aus demselben Krug, spielen Grammophon und erzählen ihrem Gast von ihrer ganz eigenen Lebensordnung. Uhren haben sie abgeschafft, Erinnerungen wollen sie nicht bewahren, Hausnummer und Familiennamen haben sie beseitigt. Nachtigall wird gleichzeitig hofiert, bedrängt und zunehmend zum Objekt ihrer Aufmerksamkeit.

Allmählich verdichten sich die unheimlichen Hinweise. Alle bisherigen Gäste mussten singen, im Garten befinden sich Gräber früherer Besucher, und die Tochter bewahrt deren Bilder in einem Album auf – für Nachtigall ist bereits die letzte Seite vorgesehen. Was wie groteskes Familiengeplauder begonnen hat, entpuppt sich als tödliches Ritual. Nachtigall versucht noch, sich einzureden, dass alles nur ein Traum sei, doch schließlich führen Vater und Sohn ihn nach oben. Kurz darauf kehren sie ohne ihn zurück und sprechen von ihm wie von einem erlegten Tier. Der Titel erweist sich als makaber wörtlich: Nachtigall ist nicht nur zum Abendessen eingeladen – er ist das Abendessen.
2D 3H
1 Dek.
Schauspiel
UA: 22.03.1967, Divadlo za branou, Prag; Regie: Josef Topol
Übersetzung aus dem Tschechischen:
Jaromir Povejsil