Leben aus zweiter Hand

Erni Friedmann

Wo endet Fürsorge, wo beginnt Bevormundung?
Lene Wagner steht vor einem Wiener Schwurgericht: Sie soll ihre alte, an den Rollstuhl gefesselte Mutter erwürgt haben. In Zeugenaussagen und Rückblenden entfaltet sich die Geschichte einer Mutter-Tochter-Beziehung, die von einer scheinbar aufopfernden, tatsächlich aber besitzergreifenden Liebe geprägt ist. Frau Wagner will ihre Tochter ganz für sich haben und greift immer wieder in deren Leben ein. Als Lene sich als junge Frau in Oswald verliebt, trägt die Mutter entscheidend zum Scheitern der Beziehung bei und unterschlägt jahrelang seine Briefe. So verzichtet Lene immer mehr auf ein eigenes Leben und bleibt an die Mutter gebunden.

Erst zwanzig Jahre später entdeckt Lene die unterschlagenen Briefe. Ihr Versuch, mit Oswald doch noch einmal an die Vergangenheit anzuknüpfen, scheitert, und der Konflikt mit der Mutter eskaliert. Bei einem heftigen Streit packt Lene sie am Hals, lässt sie aber sofort wieder los. Die Mutter sackt nach vorn und stirbt. Lene ist überzeugt, sie getötet zu haben. Im Prozess rekonstruiert jedoch ausgerechnet der Staatsanwalt den Vorgang: Nicht Lenes Griff war tödlich, sondern der Sturz mit dem Hals auf die Lehne des Rollstuhls. Lene wird freigesprochen. Am Ende will sie sich um die junge Waise Elisabeth kümmern – und fragt sich nun selbst, wo Fürsorge endet und die Beherrschung eines anderen Lebens beginnt.
7D 8H
3 Dek.
Schauspiel
UA: 22.01.1957, Theater Die Tribüne, Wien; Regie: Norbert Kammil