Die Ohrfeige

Stefan Vögel

Eine einzige Ohrfeige genügt, um einen festlichen Abend aus den Fugen geraten zu lassen. Was als Feier zur Ernennung einer neuen Frauenministerin beginnt, entwickelt sich zu einer ebenso pointierten wie klugen Auseinandersetzung über Schuld, Verantwortung, Beziehungen und die Frage, wo Gewalt eigentlich beginnt. Stefan Vögel verbindet gesellschaftliche Brisanz mit treffsicherem Humor.
ausführliche Beschreibung
Jan und Luisa sind seit zwanzig Jahren verheiratet und führen ein scheinbar geordnetes Leben. Kurz bevor sie gemeinsam mit Freunden zur Vereidigung ihrer Freundin Meret als neue Ministerin für Frauen, Familie und Gleichstellung aufbrechen wollen, geraten sie wegen eines missglückten Börsengeschäfts aneinander. Luisa hat vergessen, einen wichtigen Auftrag für Jan weiterzugeben. Als sie sich über seine Spekulationen lustig macht und ihn „Ölprinzchen“ nennt, verliert Jan die Beherrschung und gibt ihr eine Ohrfeige – zum ersten Mal in ihrer Ehe.

Was als peinlicher Zwischenfall beginnt, entwickelt sich rasch zur komödiantischen Grundsatzdebatte. Meret, die selbst Erfahrungen mit häuslicher Gewalt gemacht hat, sieht in der Ohrfeige den möglichen Beginn eines Gewaltmusters. Jan wiederum versucht verzweifelt, die Tat als einmaligen Ausrutscher und schließlich sogar als bloßen „Backenstreich“ herunterzuspielen. Als dann auch noch der Physikprofessor Ole, der Bauunternehmer Willi und dessen temperamentvolle Frau Oksana mitreden, prallen Weltbilder, Lebenshaltungen und Halbwissen frontal aufeinander.

Aus der Frage, was eigentlich eine Ohrfeige ist und wann Gewalt beginnt, entspinnt sich eine immer absurdere Diskussion über Täter und Opfer, Männer und Frauen, Gleichstellung, politische Korrektheit, persönliche Verantwortung und gesellschaftliche Moral. Jeder weiß es besser, jeder hat ein Beispiel parat – und je ernster die Beteiligten argumentieren, desto komischer wird die Situation.

Nach Merets öffentlicher Rede über Gewalt fühlt sich Jan bloßgestellt, und die ganze Runde trifft später erneut bei Jan und Luisa zusammen. Ole hat die vermeintlich wissenschaftliche Lösung: Die Ohrfeige soll unter Laborbedingungen nachgestellt werden. Das Experiment gerät erwartungsgemäß außer Kontrolle – und Jan schlägt tatsächlich noch einmal zu, diesmal Ole. Während Meret darin den Beweis für ein Muster sieht, diskutieren die anderen weiter darüber, ob der Schlag überhaupt stark genug war, um als „richtige“ Ohrfeige zu gelten. Oksana beendet die theoretische Debatte schließlich mit einer sehr praktischen Demonstration.

Drei Tage später ist Luisa verschwunden und Jan völlig aufgelöst. Als sie zurückkehrt, hat sie längst gehandelt: Sie war bei einem Psychologen und präsentiert Jan nun eine ebenso nüchterne wie unerbittliche Analyse seines Verhaltens. Nicht sie, sondern er müsse herausfinden, warum er zugeschlagen hat. Luisa verreist für zwei Wochen, während Jan an sich arbeiten soll. Er bleibt allein mit der Visitenkarte des Psychologen zurück und der Hoffnung, dass dieser ihm helfen kann.